Erste Hilfe

Erste Hilfe bei Datenverlust

Die ersten Minuten entscheiden mehr über eine Datenrettung als alles, was danach im Labor passiert. Nicht weil Eile geboten wäre — sondern weil fast jeder gut gemeinte Reflex den Schaden vergrößert.

Die einzige Regel, die immer gilt

Strom weg. Sofort, und dann so lassen. Ein defekter Datenträger repariert sich nicht, während er läuft — er verschlechtert sich. Bei mechanischem Schaden zieht jede weitere Umdrehung den beschädigten Kopf über die Magnetscheibe. Bei einem Kurzschluss treibt jeder Startversuch Strom durch ein Bauteil, das ihn nicht mehr verträgt. Bei einem logischen Fehler schreibt das Betriebssystem im Hintergrund weiter, auch wenn Sie gar nichts tun.

Das klingt trivial, ist aber der häufigste Grund, warum ein rettbarer Fall am Ende nicht mehr rettbar ist: Zwischen dem ersten Ausfall und dem Anruf im Labor liegen oft ein Dutzend Startversuche.

Was Sie auf keinen Fall tun sollten

  • chkdsk, „Datenträger reparieren", fsck

    Diese Werkzeuge schreiben. Sie bauen das Inhaltsverzeichnis auf Grundlage bereits beschädigter Angaben neu auf und überschreiben dabei genau die Verweise, aus denen sich die Dateien sonst noch hätten rekonstruieren lassen. Auf einem gesunden Datenträger mit kleinem logischem Fehler ist das ein sinnvolles Werkzeug. Auf einem defekten ist es das Gegenteil.

  • Rettungssoftware auf defekter Hardware

    Programme, die den Datenträger im Betriebssystem scannen, lesen blockweise von vorn nach hinten und halten die Hardware stundenlang unter Volllast. Für einen gelöschten Ordner auf einer funktionierenden Platte ist das richtig. Für ein Laufwerk, das klackt, heiß wird oder mittendrin verschwindet, ist es der schnellste Weg zum endgültigen Verlust.

  • Formatieren oder initialisieren

    „Der Datenträger muss formatiert werden, bevor Sie ihn verwenden können" bedeutet nicht, dass die Daten weg sind. Es bedeutet, dass das Inhaltsverzeichnis unlesbar ist. Wer bestätigt, legt ein neues an — über dem alten.

  • Das Gehäuse öffnen

    Der Schreib-Lese-Kopf einer Festplatte schwebt wenige Nanometer über der Magnetscheibe. Ein Staubkorn ist ein Vielfaches davon groß. Ein in Raumluft geöffnetes Laufwerk ist danach fast immer schlechter zu retten als vorher.

  • Die Platine gegen eine baugleiche tauschen

    Ein verbreiteter Ratschlag aus Foren, der seit gut fünfzehn Jahren nicht mehr funktioniert. Moderne Festplatten legen individuelle Kalibrierwerte in einem Baustein auf der eigenen Platine ab. Ohne Übertragung dieser Werte wird das Laufwerk nicht lesbar — und im schlechtesten Fall beschädigt der Versuch zusätzlich den Firmwarebereich.

  • Reis, Föhn, Backofen, Gefrierfach

    Bei Wasserschaden ist nicht die Feuchtigkeit das Problem, sondern die Korrosion, die sie in Gang setzt — und die läuft unter Bauteilen und Abschirmblechen weiter, wo weder Reis noch warme Luft je hinkommen. Kälte erzeugt beim Auftauen zusätzliches Kondenswasser im Gerät.

  • Bei RAID oder NAS: einen Rebuild starten

    Der gefährlichste Reflex überhaupt. Ein Rebuild liest tagelang alle verbliebenen Laufwerke am Stück und überschreibt dabei die vorhandene Redundanz. Mehr dazu im eigenen Beitrag.

  • Am Smartphone: Werksreset oder Firmware neu flashen

    Aktuelle Geräte verschlüsseln jede Datei einzeln. Ein Zurücksetzen vernichtet das Schlüsselmaterial. Danach sind die Daten physikalisch noch vorhanden und trotzdem für immer unlesbar.

Was Sie tun sollten

  • Aufschreiben, was passiert ist

    Sturzhöhe, Wasserkontakt, Stromausfall, seit wann die Geräusche auftreten, welche Software schon gelaufen ist. Das bestimmt den Weg in der Diagnose — und vor allem, was gar nicht erst versucht wird.

  • Bei mehreren Laufwerken die Reihenfolge beschriften

    Bei einem RAID-Verbund oder NAS bestimmt die Position im Gehäuse die Reihenfolge im Verbund. Kleben Sie die Schachtnummer auf jedes Laufwerk, bevor Sie es entnehmen.

  • Nach einer Sicherung suchen

    Cloud-Papierkorb, altes Backup-Laufwerk, dieselben Fotos auf einem zweiten Gerät, der E-Mail-Anhang von damals. Die beste Datenrettung ist die, die sich erübrigt.

  • Diagnose stellen lassen, bevor irgendetwas versucht wird

    Eine Diagnose sagt Ihnen, ob der Fall logisch, elektronisch, mechanisch oder aussichtslos ist. Erst danach lässt sich entscheiden, ob Aufwand sinnvoll ist.

Ein Satz, der Ihnen viel Geld sparen kann

Wenn ein Datenträger noch unter Herstellergarantie steht: Zuerst die Daten retten, dann austauschen lassen. Ein Garantieaustausch liefert ein neues Gerät — Ihre Daten bleiben im alten und sind damit weg.
Häufige Fragen

Kurz beantwortet.

Meine Festplatte klackt. Darf ich sie nochmal anschließen, um schnell etwas zu kopieren?

Nein. Klackern bedeutet, dass der Kopf seine Spur nicht mehr findet. Jeder Startversuch fährt ihn erneut über die Magnetscheibe. Genau so wird aus einem Kopfschaden ein Oberflächenschaden — und der ist die aufwendigste Form der Datenrettung überhaupt.

Ich habe schon Rettungssoftware laufen lassen. Ist jetzt alles verloren?

Nicht zwangsläufig. Bei einem logischen Fehler auf gesunder Hardware richtet ein Lesescan meist keinen Schaden an. Kritisch wird es, wenn die Software auf den Datenträger geschrieben hat oder wenn die Hardware bereits defekt war. Sagen Sie in jedem Fall, was gelaufen ist — das gehört zur Diagnose.

Wie lange darf ich warten?

Solange das Gerät ausgeschaltet ist, gibt es bei den meisten Fehlerbildern keine Uhr, die läuft. Eine Ausnahme ist Wasserschaden: Dort arbeitet die Korrosion weiter, und jeder Tag zählt.

Konkreter Fall?

Wir schauen uns Ihren Datenträger an.

Die Economy-Diagnose ist kostenlos. Sie erfahren, was möglich ist, bevor etwas kostet — und was es kosten würde, steht vorher schriftlich fest.

Wasserweg 8–10 · 60594 Frankfurt am Main