Warum Festplatten nur im Reinraum geöffnet werden
Der Reinraum ist das Bild, das jede Datenrettungsfirma zeigt. Interessanter als das Bild ist der Grund: Die Abstände in einer Festplatte sind so klein, dass gewöhnliche Raumluft ein Schleifmittel ist.
Die Größenordnung
Eine Festplatte hat eine oder mehrere Magnetscheiben, die mit mehreren tausend Umdrehungen pro Minute rotieren. Die Schreib-Lese-Köpfe berühren sie nicht. Sie schweben auf einem hauchdünnen Luftpolster, das die Drehbewegung erzeugt — der Abstand liegt im einstelligen Nanometerbereich.
Ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter. Zum Vergleich: Ein Rauchpartikel misst einige hundert, ein Hautschüppchen mehrere zehntausend, ein sichtbares Staubkorn einige zehntausend bis hunderttausend Nanometer. Nichts davon passt zwischen Kopf und Scheibe.
Was hineingerät, wird deshalb nicht überflogen, sondern gerammt — und anschließend vom Kopf über die Oberfläche geschoben. Der Kopf hebt ab, schlägt wieder auf, trägt Beschichtung ab, und der Abrieb erzeugt neue Partikel. Ein Kopfcrash ist ein sich selbst verstärkender Vorgang.
Was ISO 5 bedeutet
Reinräume werden nach der Zahl der Partikel klassifiziert, die ein Kubikmeter Luft enthalten darf. Die maßgebliche Norm ist ISO 14644-1; sie kennt die Klassen ISO 1 bis ISO 9, wobei jede Stufe rund eine Zehnerpotenz ausmacht. Der ältere US-Standard zählte stattdessen Partikel je Kubikfuß und hieß entsprechend „Class 10", „Class 100" und so weiter. Er ist zurückgezogen, die Bezeichnungen halten sich aber hartnäckig.
Unser Reinraum ist nach **ISO 5** ausgelegt — das entspricht der früheren Bezeichnung „Class 100". Erlaubt sind dort höchstens 3.520 Partikel ab einem halben Mikrometer je Kubikmeter Luft. Zum Vergleich: Gewöhnliche Innenraumluft liegt um mehrere Größenordnungen darüber, in einer Werkstatt noch deutlich höher.
ISO 5 ist die Klasse, in der sich eine Festplatte öffnen lässt, ohne dass die Luft selbst zum Schleifmittel wird. Eine gröbere Klasse würde für viele Arbeiten genügen — für den Spalt zwischen Kopf und Magnetscheibe genügt sie nicht.
Deshalb macht Öffnen die Sache schlimmer
In Videos sieht das Öffnen einer Festplatte harmlos aus: sechs Schrauben, Deckel ab, Blick auf spiegelnde Scheiben. Der Schaden entsteht nicht beim Öffnen, sondern beim nächsten Anlauf. Bis dahin wirkt alles unverändert.
Deswegen ist ein selbst geöffnetes Laufwerk für ein Labor der unangenehmste Fall: Der ursprüngliche Fehler ist noch da, und darüber liegt ein zweiter, der mit Partikeln zu tun hat, die sich nicht mehr entfernen lassen.
Kurz gesagt
Was dort tatsächlich gemacht wird
Kopftausch
Ist der Kopfstapel beschädigt, wird er gegen einen passenden aus einem Spenderlaufwerk ersetzt. Passend heißt dabei sehr viel mehr als „gleiches Modell": Kopfanzahl und -belegung, der Vorverstärker auf dem Stapel, die Firmware-Generation und die Fertigungsserie müssen zusammenpassen. Ein falscher Spender steuert die Köpfe mit den falschen Werten an — und beschädigt beim ersten Anlauf die Oberfläche.
Platter-Arbeiten
Sind Scheiben verschmutzt oder ist die Mechanik zerstört, werden sie gereinigt oder in ein vorbereitetes Laufwerk überführt. Die Ausrichtung der Scheiben zueinander muss dabei erhalten bleiben — sonst passen die Spuren der einzelnen Oberflächen nicht mehr zusammen.
Auslesen statt Betreiben
Nach dem Eingriff wird das Laufwerk nicht in Betrieb genommen, sondern ausgelesen. Es läuft genau so lange, wie für das Abbild nötig ist, und wird dabei nur gelesen, nie beschrieben.
Was der Reinraum nicht ist
Er ist keine Lösung für Elektronik. SSDs, Speicherkarten, USB-Sticks, Smartphones und verlötete Notebook-Speicher haben keine bewegten Teile und keine offenen Oberflächen — ihr Speicher ist im Chipgehäuse eingeschlossen. Diese Arbeiten finden am Mikroskop statt, mit Mikrolöttechnik, nicht unter gefilterter Luft.
Er ist auch keine Garantie. Ein Kopftausch ist ein Handwerk mit offenem Ausgang: Wenn die Oberfläche schon zerstört ist, ändert der beste Spenderkopf daran nichts.
Kurz beantwortet.
Reicht nicht auch ein sauberes Zimmer?
Nein. Entscheidend ist nicht, ob die Luft sauber aussieht, sondern wie viele Partikel einer bestimmten Größe sie enthält. Normale Raumluft enthält Millionen Partikel pro Kubikmeter in genau dem Bereich, der einer Festplatte gefährlich wird.
Welche Reinraum-Klasse haben Sie?
ISO 5 nach ISO 14644-1 — nach dem älteren, inzwischen zurückgezogenen US-Standard hieß diese Klasse „Class 100". Erlaubt sind dort höchstens 3.520 Partikel ab einem halben Mikrometer je Kubikmeter Luft.
Muss eine SSD auch in den Reinraum?
Nein. Der Speicher einer SSD sitzt in verschlossenen Chipgehäusen. Dort geht es um Elektronik: Platine, Spannungsversorgung, Controller und Firmware. Diese Arbeit passiert am Mikroskop und mit Mikrolöttechnik.
Kann man eine geöffnete Festplatte noch retten?
Manchmal. Es hängt davon ab, ob sie nach dem Öffnen noch gelaufen ist. Wurde sie nur geöffnet und sofort wieder geschlossen, sind die Chancen deutlich besser, als wenn danach ein Startversuch unternommen wurde.
Wir schauen uns Ihren Datenträger an.
Die Economy-Diagnose ist kostenlos. Sie erfahren, was möglich ist, bevor etwas kostet — und was es kosten würde, steht vorher schriftlich fest.
Wasserweg 8–10 · 60594 Frankfurt am Main

